Perfektion?

St. Georgen im Schwarzwald, Lorenzkirche. Anbetung der Hirten. Die Kopie des Originals von etwa 1520 stammt von Eva Jaeckle.
Lange Zeit habe ich das Bild immer wieder gesehen und nicht weiter darüber nachgedacht. Die Geschichte von der Geburt Jesu war ja klar zu erkennen. Erst nach elf Jahren fiel mir auf, dass manches nicht stimmt. Zum Beispiel verlaufen die Dachbalken merkwürdig: Der Maler beherrschte die Zentralperspektive nicht richtig. Und Josef hat zwei linke Hände. Und doch: Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist deutlich erkennbar trotz der kleinen Fehler. Mir ist dieses Bild ein Symbol geworden für unser Weitergeben der Jesus-Geschichte. Wir alle, nicht nur die Pfarrpersonen, sondern alle Christen, haben ja den Auftrag, anderen von unseren Glauben an Jesus und der Geschichte die wir mit Gott erleben, weiter zu sagen. Wir sollen dafür einstehen mit unseren Worten und unserem Tun. Wir alle machen dabei Fehler, genau wie der Maler dieses Weihnachtsbildes. Fast jeder kann Geschichten über Pfarrer erzählen, die eher abschreckend wirkten als zum Glauben einluden. Und jeder Christ, der anderen von seinem Glauben an Jesus etwas sagt, merkt, dass sein Reden oft unvollkommen ist, vielleicht sogar Abwehr auslöst.
Und doch glaube ich: Es ist besser, von unserer Hoffnung auf Gott ohne Perfektionsanspruch, manchmal stammelnd zu erzählen, als gar nicht davon zu reden. Wie beim St. Georgener Weihnachtsbild bekommt unser Gegenüber vielleicht viel mehr mit, als wir hoffen – auch wenn wir nicht alles richtig machen. Denen, die lieber schweigen, als ein falsches Wort zu sagen, möchte ich Mut machen: Hört dem Gegenüber gut zu und überrollt es nicht – aber ihr dürft auch etwas über die Hoffnung auf Gott erzählen, die ihr habt. Und auch über die Zweifel, die Euch manchmal befallen. Und darauf vertrauen, dass Gottes Geist zu seiner Zeit Menschen berührt und mit Hoffnung erfüllt.
Susanne Fritsch

